Von Nachhaltigkeitskonzepten zu nachhaltigen Systemen

Über die Notwendigkeit und Ziele einer systemischen Nachhaltigkeit
 

"Handle stets nach demjenigen Eigeninteresse, durch das Du zugleich allgemeine Systemzusammenhänge integrierst."

Systemische Nachhaltigkeit bietet dauerhafte Lösungen für Gesamtsysteme, indem sie komplexe Ursache- und Wirkungsbeziehungen zwischen der subjektiven Innenwelt und der objektiven Außenwelt berücksichtigt. Über die systemische Sicht dieser komplexen Interaktionsmuster von Geist und Materie ermöglicht sie umfassende Lösungen. Sie setzt an subjektiven Wahrnehmungs- und Deutungsmustern als Ursache der fehlenden Nachhaltigkeit an. Diese Zusammenhänge sind wissenschaftlich bislang weitgehend unbeachtet und unerforscht geblieben. Damit unterscheidet sich systemische Nachhaltigkeit deutlich von den 3-Säulen- und 3-Dimensionen-Modellen, die Krisensymptome nur an der äußeren Oberfläche bekämpfen, weil sie als Konzepte mit Begriffen (Ökologie, Ökonomie und Soziales als Schlagworte) statt mit Beziehungen arbeiten.

Systemische Nachhaltigkeit hat den Anspruch, systemverträgliche Beziehungen (wieder) herzustellen. Denn es genügt nicht, sich auf CO2-Emissionen und ihre Vermeidung zu konzentrieren. Simple Indikatoren und Symbole für Leistungsfähigkeit und Erfolg können nicht einfach auf komplexe Systeme übertragen werden. Derartige Vereinfachungen sind vielmehr typisch für das problemverursachende Denken. Über Mengen lassen sich häufig nur oberflächlich Beziehungen verändern, jedoch lassen sich über Beziehungen dauerhaft Mengen verändern. Daher ist eine Transformation der Denk- und Betrachtungsweise erforderlich, also der individuellen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, damit nachhaltige Beziehungen überhaupt erst verstanden und bewusst gestaltet werden können. Ohne diese ist tatsächlich auch keine Mengenreduktion an CO2 möglich, wie der ungebremst anhaltende weltweite Emissionsanstieg zeigt.

Systemische Nachhaltigkeit setzt am positiven Menschenbild von Humanismus und Aufklärung an, sie stärkt über die Aktivierung von Wahrnehmungs- und Interpretationskompetenzen eine systemverträgliche Selbstorganisation von Individuum und Gesellschaft als Grundlage für eine soziale und ökologische Beziehungsfähigkeit. "Survival of the Fittest" als "jeder gegen jeden" verstanden ist der Ausdruck dieser prägnanten Beziehungslosigkeit, vor allem im Wirtschaftssystem mit den entsprechenden sozialen und ökologischen Auswirkungen.

Nach Adam Smith, dem Begründer der modernen Volkswirtschaftslehre, entsteht (in einer liberalen Gesellschaft mündiger Bürger) das größtmögliche Glück aller, indem sich jeder um die Erfüllung seines eigenen Glücks kümmert. Jedoch ging er von einem inneren unparteiischen Beobachter und Schiedsrichter aus, der eigene Interessenskonflikte mit den Mitmenschen empathisch wahrnehmen und einsichtig regeln kann. Diese vermittelnde Rolle kann auch ein Systemverständnis übernehmen, in dem sich das Individuum als wichtiges Element eines komplexen sozialen und ökologischen Gesamtsystems begreift.

Die zentrale Aufgabe der Ökonomie ist die Bedürfnisbefriedigung. Diese erscheint jedoch grenzenlos zu sein, weil "ich will" als " ich brauche" verkauft wird. Einer Gesellschaft im Ungleichgewicht, die bürgerliche Freiheit auf kurzfristige Konsummöglichkeiten reduziert und die langfristige Verantwortung verschiebt, fällt es schwer, Systemgrenzen zu akzeptieren, vor allem die Grenzen ökonomischen Wachstums. Auch bei der differenzierten Unterscheidung von  Bedürfnissen kann ein komplexes Systemverständnis eine nachhaltige Rolle spielen, so dass auf dieser Basis Bedürfnisse im Sinne eines "gesunden" Egoismus dauerhaft befriedigt werden können.